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Altersvorsorge 2020: Was bedeutet eigentlich «Referenzalter»?

Die Reform der «Altersvorsorge 2020», über die im September abgestimmt wird, sieht eine Möglichkeit des Rentenbezuges zwischen 62 und 70 Jahren vor. Was dies für Sie genau bedeutet, erfahren Sie in folgendem Artikel.

Stufenweise in Pension

Schweizer Bank; 21.04.2017; Kurt Speck

Das Schicksal des ambitiösen Reformprojekts «Altersvorsorge 2020» bleibt bis zur Volksabstimmung im kommenden Herbst in der Schwebe. Praktisch unbestritten ist in der teils hitzigen Diskussion dabei der Vorschlag für eine flexible und individuelle Pensionierung. Der Bundesrat will das bisherige ordentliche Rentenalter durch ein sogenanntes Referenzalter ersetzen. Bei diesem Modell können Frauen und Männer mit 65 Jahren die Renten von AHV und Pensionskasse ohne Leistungskürzung beziehen.

Wer sich früher zur Ruhe setzen oder länger arbeiten möchte, dem sollen künftig weniger Hindernisse im Weg stehen. Anvisiert wird ein Rückzug aus dem Erwerbsleben zwischen 62 und 70 Jahren, der sich entsprechend den eigenen Bedürfnissen flexibel gestalten lässt. Die laufend höhere Lebenserwartung hat für eine Anhebung des frühestmöglichen Pensionierungsalters gesorgt, das heute in vielen Vorsorgeeinrichtungen bei 58 Jahren liegt.

Ausland und Grossfirmen gehen voran

Neue Formen für den flexiblen Übergang in den Ruhestand setzen sich in der Schweiz nur langsam durch. Das fixe Pensionierungsalter ist in den Köpfen noch tief verankert. Im Ausland lassen sich derartige Muster bereits seit längerer Zeit beobachten. So etwa in Schweden, wo die Versicherten ihr Pensionierungsalter und das Rentenniveau individuell gestalten. Dänemark und Holland passen das Rentenalter periodisch der steigenden Lebenserwartung an.

Ähnliche Vorsorgemodelle prägen in jüngster Zeit zunehmend die Diskussion auch bei uns. Je nach den individuellen Bedürfnissen stehen verschiedene Varianten für die Pensionierung zur Verfügung. Man kann früher in den Ruhestand treten oder den beruflichen Ausstieg über das normale Pensionierungsalter hinaus aufschieben. Das entspricht einem Bedürfnis. Bereits heute arbeiten ab dem 55. Lebensjahr fast 13 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen Teilzeit. Das sind deutlich mehr als in der vorhergehenden Alterskategorie ab 40 Jahren. Gleichzeitig sind noch 18 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen mit über 65 Jahren berufstätig.

Vor allem die Grossfirmen und gewichtige Betriebe aus der Verwaltung kümmern sich um die spezifischen Anliegen der älteren Mitarbeitenden. So kennt etwa die SBB vier Modelle, um aktiv der demografischen Herausforderung zu begegnen. Die Mitarbeitenden können ihre Erwerbstätigkeit und den Übergang in den dritten Lebensabschnitt flexibler und individueller gestalten. Eine Variante setzt dabei gezielt Anreize, um länger im Arbeitsprozess zu verbleiben. Auch ABB, Novartis oder Swiss Life haben Programme rund um das Pensionierungsalter aufgegleist. Bei den Detailhändlern Migros und Coop, ebenso wie bei der Post und in der Bundesverwaltung ist eine Weiterbeschäftigung bis zum 70. Lebensjahr möglich. Stärker gefragt ist auch die gleitende Pensionierung mit einem wahlweisen Pensum zwischen 20 und 80 Prozent. Damit kann dem abrupten Ausstieg aus dem Arbeitsleben begegnet werden, der häufig nicht den Bedürfnissen der Menschen entspricht.

Fachkräfte im Arbeitsmarkt halten

Klar ist: Der demografische Wandel wird in den kommenden Jahren einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesellschaft und den Wirtschaftsstandort Schweiz haben. Im Zentrum stehen dabei die Mitarbeitenden im Alter von über 50 Jahren. Studien zeigen, dass sich der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe stetig vergrössert. Gleichzeitig ist der Nachwuchs aufgrund der niedrigeren Geburtenrate dünn gesät. Umso wichtiger ist es, ältere Mitarbeitende möglichst lange im Arbeitsmarkt zu halten.

Mit der Fachkräfteinitiative hat der Bund gemeinsam mit den Kantonen und den Sozialpartnern erste Anstrengungen unternommen. Ziel ist es, die Abhängigkeit der Schweiz von ausländischen Fachkräften zu verringern. Die freien Potenziale der Erwerbsbevölkerung sollen besser ausgeschöpft und deren Qualifikationen gestärkt werden. Anvisiert wird eine berufliche Tätigkeit auch über die Pensionierung hinaus. Die Anreize zur Beschäftigung in den Systemen der Altersvorsorge sind dabei ein wesentlicher Pfeiler. Zur Bekämpfung der Altersarbeitslosigkeit schlägt ein OECD-Bericht zudem mehr Lohnflexibilität im Alter vor. Um die Möglichkeit der beruflichen Mobilität gegen Ende des Erwerbslebens zu verbessern, müsste von der aktuellen Salärskala - mit automatischen Lohnerhöhungen gekoppelt an das Alter - abgewichen werden. Derzeit wirken sich die im Alter höheren Beiträge für die berufliche Vorsorge und die fehlende Lohnflexibilität negativ aus.

Die Altersplanung sollte möglichst früh geschehen. Vor allem die AHV ist nur beschränkt flexibel. Es gibt zwei Wahlmöglichkeiten: Erstens die vorzeitige Pensionierung, maximal zwei Jahre früher. In diesem Fall wird die Rente für jedes vorbezogene Jahr lebenslang um 6,8 Prozent gekürzt. Zweitens lässt sich der Bezug um bis zu fünf Jahre aufschieben. Mit dieser Variante können Steuern gespart werden und die Rente fällt im Vergleich zum ordentlichen Pensionsalter bis zu gut 30 Prozent höher aus.

Bei der beruflichen Vorsorge bieten sich vielfältigere Ansätze für den fliessenden Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Ausschlaggebend ist das jeweilige Reglement einer Pensionskasse. Mit der frühzeitigen Pensionierung nimmt der Versicherte wesentliche Abstriche in Kauf. Weil Beitragsjahre und Zinsgutschriften wegfallen, wird der Umwandlungssatz gekürzt. Die Renten für Frühpensionierte vermindern sich um 5 bis 7 Prozent.

Anreize schaffen

Eine Früh- oder Teilpensionierung muss nicht zwingend zu einer Rentenkürzung führen. Durch den zusätzlichen Einkauf von Beitragsjahren lassen sich verminderte Leistungen im Ruhestand teilweise oder voll kompensieren. Die möglichen Vorsorgelücken können auch über den Kauf einer Leibrente abgedeckt werden. Die Umwandlungssätze sind bei dieser Variante jedoch deutlich tiefer als im Obligatorium der beruflichen Vorsorge. Kommt es zu einer zwangsweisen Frühpensionierung, können die Pensionskassen den Betroffenen zusätzlich zur Altersrente eine Überbrückungsrente ausrichten. Diese wird ausbezahlt, bis die vorzeitig pensionierte Person das ordentliche Rentenalter erreicht. Meist führt diese Lösung aber zu einer tieferen Rente danach.

Die flexible Pensionierung wird durch neue Regelungen immer mehr erleichtert. Reduziert ein Arbeitnehmer sein Pensum ab dem 58. Altersjahr um bis zur Hälfte, kann er trotzdem zum bisherigen Lohn versichert bleiben. Zahlreiche Vorsorgeeinrichtungen sehen diese Möglichkeit zum stufenweisen Berufsausstieg vor, solange keine Altersleistungen bezogen werden. Der Arbeitgeber muss zwar nur die Hälfte der Vorsorgebeiträge auf dem effektiven Lohn übernehmen, die höheren Arbeitnehmerbeiträge sorgen aber dafür, dass die Altersrente trotz niedrigerem Salär nicht gekürzt wird. Für ein Unternehmen ist auch die Weiterbeschäftigung der über 65-Jährigen finanziell durchaus attraktiv. Wer über das ordentliche Rentenalter erwerbstätig bleibt, kann seine Pensionskasse bis ins Alter von 70 Jahren fortführen und weiterhin Beiträge einzahlen. Dabei sind die Arbeitgeber nicht mehr wie bisher verpflichtet, mindestens die Hälfte der Pensionskassenbeiträge von Versicherten im AHV-Alter zu übernehmen.

Ungenütztes Potenzial

Der gleitende Übergang in den Ruhestand gewinnt ganz allgemein an Bedeutung. Die Unternehmen sind an älteren Mitarbeitenden interessiert, wenn sie über spezifische Kenntnisse verfügen, die für den Betrieb nützlich sind. Einzelne Wirtschaftszweige stehen allerdings im Ruf, sie würden ältere Mitarbeitende bewusst frühpensionieren und junge Arbeitskräfte bevorzugen. Deshalb sind flexible Pensionierungsmodelle je nach Branche unterschiedlich verbreitet. Bei wirtschaftlich unsicheren Aussichten werden sie oft nur zögerlich genutzt.

Die Vorsorgeeinrichtungen verfügen noch über ein beträchtliches Potenzial für derartige Lösungen. Dabei ist der stufenweise Ausstieg aus der beruflichen Tätigkeit nicht nur für den Arbeitnehmer vorteilhaft. Dynamische Firmen können sich mit solchen Lösungen auch Vorteile gegenüber ihren Mitbewerbern verschaffen. Mit der flexiblen Pensionierung wird es möglich, bewährte Arbeitskräfte mit einem grossen Know-how über das Ruhestandsalter im Betrieb zu halten.

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