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An der Reform führt kein Weg vorbei

In seinem Kommentar vom Mittwoch zeigte Bundheshausredaktor Markus Brotschi auf, dass einzelne Kompensationsmassnahmen, wie etwa die von den Gewerkschaften vorgeschlagene AHV-Erhöhung, nicht langfristig, beziehungsweise ganzheitlich genug an die Problematik herangehen. Die gegenwärtige Problematik des Schweizer Altersvorsorgesystems gründet nebst der schwierigen Situation auf dem Kapitalmarkt darin, dass das Verhältnis von aktiv Versicherten pro Rentner zukünftig abnehmen wird. Das ist ein strukturelles Problem, denn es findet eine ungesunde Umverteilung der Gelder von Aktiven zu Rentnern statt. Brotschi folgert richtig, dass es zurzeit keine «Gratis-Lösung» gibt, um das Rentensystem zu sichern. Strukturelle Massnahmen, seien es sinkende Umwandlungssätze in der zweiten Säule, höhere Kosten der Altersvorsorge oder ein höheres Rentenalter, sind gefragt – auch wenn sie leider schmerzhaft sind.


http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz; von Markus Brotschi, Bundeshausredaktor; 13.04.2016

Der Rentenschwund in der zweiten Säule kann nicht durch höhere AHV-Renten kompensiert werden.

Ab dem 50. Geburtstag steigt das Interesse am Pensionskassenausweis. Plötzlich wird der Umwandlungssatz, die theoretisch-abstrakte Prozentzahl zur Berechnung der Rente, zum Gesprächsthema privater Tischrunden – vor allem, wenn die gut Gebetteten von der Frühpensionierung schwärmen.

Für den vorzeitigen Ruhestand verschlechtern sich die Aussichten allerdings zunehmend. Häufig liegt dem jährlichen Pensionskassenausweis ein Begleitbrief bei, in dem die Senkung des Umwandlungssatzes angekündigt und wie folgt begründet wird: Die Pensionskassen erzielten nicht mehr genügende Kapitalrenditen, und auch die gestiegene Lebenserwartung erfordere einen tieferen Umwandlungssatz.

Bei vielen Versicherten steht heute eine 5 vor dem Komma, und die Ziffer nach dem Komma nähert sich bedrohlich der 0. Ein Umwandlungssatz von 5,0 Prozent bedeutet: Pro 100'000 Franken Alterskapital werden jährlich 5 Prozent als Rente ausbezahlt. Wer am Ende seines Arbeits­lebens 500'000 Franken zusammenhat, kriegt 25'000 Franken pro Jahr – bis zum Lebensende. Vor einigen Jahren stand auf dem Pensions­kassenausweis noch eine 6 vor dem Komma. Die Gewerkschaften haben angesichts dieser Entwicklung Alarm geschlagen.

Schattendebatte

Die Debatte im Parlament über eine Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0 Prozent mutet angesichts der real existierenden Sätze etwas seltsam an. Was hat die gesetzliche Vorgabe mit der Realität der meisten Versicherten zu tun? Wenig, und dennoch viel. Nur rund 15 Prozent der Versicherten haben eine Pensionskasse, deren Leistungen sich aufs gesetzliche Minimum beschränken. Für sie ist der gesetzliche Umwandlungssatz zur Rentenberechnung direkt anwendbar.

85 Prozent haben jedoch eine Pensionskasse mit überobligatorischen Leistungen. Solche Pensionskassen können den gesetzlichen Umwandlungssatz unterschreiten, was fast alle tun. Allerdings – nun wird es richtig kompliziert – muss jede Kasse für die Versicherten eine Schattenrechnung führen. Diese stellt sicher, dass die Mindestvorgaben des Gesetzes auch bei überobligatorisch Versicherten eingehalten werden.
Der SGB beziffert die Rentenkürzungen auf 10 bis 20 Prozent.

Dennoch müssen sich viele damit abfinden, dass ihre Altersrenten der zweiten Säule deutlich tiefer sein werden, als ihnen vor Jahren noch in Aussicht gestellt wurde. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) beziffert die Rentenkürzungen auf 10 bis 20 Prozent. Zwar federn manche Kassen die Verluste etwas ab, indem sie den Versicherten eine Kapitalspritze zukommen lassen. Aber das gleicht die Verluste nicht aus.

Zum Glück gibt es noch die AHV, bei der eine Rentenkürzung kein Thema ist. Im Gegenteil: Die Gewerkschaften wollen die «Rentenschmelze» in der zweiten Säule mit höheren AHV-Renten kompensieren. Dies sei erst noch billiger, weil zumindest die Normalverdiener pro eingezahlten Franken bei der AHV mehr Geld als Rente zurückerhielten als in der zweiten Säule.

Alternative wäre höheres Rentenalter

Da haben die Gewerkschaften recht, aber die geforderte Rentenerhöhung von 10 Prozent erhöht die Beitragslast für kommende Generationen zusätzlich. Heute kommen auf einen Rentner 3,3 Aktive, in 20 Jahren 2. Deshalb dürfen schwindende Pensionen nicht mit höheren AHV-Renten kompensiert werden. Die vom Ständerat beschlossene Erhöhung um 70 Franken ist höchstens als politischer Preis akzeptabel, wenn die Linke die dringenden Reformen in erster und zweiter Säule akzeptiert und die Chancen in einer Volksabstimmung erhöht.

Zu diesen Reformen gehört die Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes. Denn heutige Rentner profitieren vom zu hohen Umwandlungssatz in Form von zu hohen Renten. Diese Quersubventionierung von Aktiven zu Rentnern muss gestoppt werden. Im Gegenzug braucht es eine Kompensation der Rentenverluste innerhalb der zweiten Säule. Aber auch das ist nicht gratis: Im Gegenzug werden die Beiträge der Erwerbs­tätigen an die zweite Säule erhöht.

Die Alternative zu sinkenden Umwandlungssätzen und höheren Kosten der Altersvorsorge wäre ein höheres Rentenalter. Dies ist aber so lange nicht mehrheitsfähig, wie über 50-Jährige bei der Stellen­suche schlechtere Karten haben. Gerade weil ein höheres Rentenalter nicht mehrheitsfähig ist, braucht es einen tieferen Umwandlungssatz, auch wenn die Gewerkschaften sich dagegen sträuben.

 

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