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Der Reformdruck in der 2. Säule ist und bleibt hoch

Nach der Ablehnung der «Altersvorsorge 2020» werden die ersten Grundzüge einer neuen Reform erkenntlich. Wie bereits bei vergangenen gescheiterten Reformversuchen, z.B. der 11. AHV-Revision im Mai 2004 und der Senkung des Umwandlungssatzes im BVG im März 2010, sollen nun AHV und BVG getrennt reformiert werden. Wie der folgende Artikel zeigt, gibt es sowohl in der 1. als auch der 2. Säule Reformbedarf – wobei der Handlungsdruck in der 2. Säule vom Rentenexperten Martin Eling jedoch grösser eingeschätzt wird.

«Wir haben ein grosses Problem»

Bote der Urschweiz; 27.09.2017; Interview: Dominic Wirth

Altersvorsorge Rentenexperte Martin Eling verlangt nach dem Nein zur Rentenreform rasch eine Neuauflage. Der HSG-Professor macht sich für eine Entpolitisierung und einen Automatismus stark – und hofft beim Rentenalter auf mehr Mut.

Martin Eling, wieder einmal ist ein Reformversuch der Schweizer Altersvorsorge gescheitert. Stehen unsere Renten auf dem Spiel?

Eines ist sicher: Der Reformdruck nimmt massiv zu. Die Ausgangslage ist schwierig. In der AHV kommen Milliardendefizite auf uns zu. Und in den Pensionskassen werden heute schon Milliarden umverteilt. Dementsprechend würde ich schon sagen, dass unsere Renten ein Stück weit auf dem Spiel stehen.

Die Abstimmungssieger wollen vom Ansatz einer grossen Reform abkehren und die AHV und die berufliche Vorsorge getrennt reformieren. Ist das ein kluges Vorgehen?

Das Gesamtpaket ist an der Urne leider gescheitert. Nun geht es darum, eine mehrheitsfähige Alternative zu entwickeln. Insofern ist eine Aufteilung schon der richtige Weg. Einfach wird das aber nicht. Das zeigt die Vergangenheit in der Schweiz. Und das zeigt auch der internationale Vergleich. Gesamtpakete haben in der Regel die besseren Chancen, aber es ist auch klar, dass das Schweizer System nur schrittweise reformiert werden kann.

Zuerst will man in Bern nun die AHV angehen. Besteht auch für Sie in der ersten Säule der grösste Handlungsbedarf?

Wir haben es mit zwei verschiedenen Ausgangslagen zu tun. In der ersten Säule haben wir die Ruhe vor dem Sturm, in der zweiten aber schon heute ein grosses Problem, weil eine systemfremde Umverteilung in Milliardenhöhe stattfindet – und das jedes Jahr.

Sie finden also, dass zuerst die berufliche Vorsorge reformiert werden sollte?

Wenn es ein Wunschkonzert wäre, würde ich das so machen. Wenn man die Perspektivrechnungen des Bundes anschaut, herrscht in der AHV derzeit noch eine relativ stabile Situation. Die schwierigen Zeiten mit den Milliardenverlusten stehen uns dort noch bevor. In der zweiten Säule ist das anders, dort läuft die Umverteilung von den Aktiven zu den Rentnern bereits. Das ist der wahre Rentenklau, weil die Aktiven dieses Geld nie mehr wiedersehen werden. Deshalb ist der Handlungsdruck dort grösser.

Und doch dürfte es anders kommen, wenn man die politische Machbarkeit betrachtet und die Verlautbarungen aus Bern hört. Macht Ihnen das Sorgen?

Weil die erste Säule einfacher zu reformieren ist, besteht schon etwas die Gefahr, dass die Politik die Pensionskassen erst mal aussen vor lassen. Wir müssen aber das strukturelle Problem der zu hohen Umwandlungssätze möglichst schnell beseitigen, weil dieses Problem die strukturelle Solidität der Pensionskassen mehr und mehr aushöhlt. Die zweite Säule sollte jetzt auf keinen Fall vergessen gehen, der Reformbedarf ist sehr gross. Und es ist ja eben eine Stärke des Schweizer Systems, dass wir beide Säulen haben.

Eine Idee für die Reform der zweiten Säule sieht eine abgeschwächte Senkung des Mindestumwandlungssatzes auf eine Grössenordnung von 6,2 Prozent vor – und eine Ausnahmeklausel, die für Kassen mit erheblichen Problemen eine weitere Senkung des Satzes ermöglicht. Wäre dies in Ihren Augen zielführend?

Das ist ein interessanter Vorschlag, weil ich glaube, dass wir bei der Neuauflage der Reform stärker über Automatismen nachdenken müssen. Der Reformbedarf war im Abstimmungskampf unbestritten, doch danach wurde die Debatte rasch sehr kontrovers. Jedes Szenario ist mit Unsicherheit behaftet. Von der Logik her finde ich es nicht schlecht, wenn man deshalb sagt: Wenn gewisse Dinge eintreffen, dann sind damit Massnahmen verbunden. Etwa ein tieferer Umwandlungssatz oder ein höheres Rentenalter. Das würde ein Stück weit zu einer Entpolitisierung führen, und diese Politisierung war das Kernproblem bei der Abstimmung, weil von verschiedenen Seiten auf die Vorlage gefeuert wurde – und sie am Schluss an der Urne scheiterte.

Der Zahlenmensch will die Politik ganz aus dem Spiel nehmen?

Nein, nicht komplett. Wir sprechen über die soziale Sicherung, da ist es sehr wichtig, dass die Politik sich regelmässig damit befasst. Ich fände einen Automatismus gut, wie er bei der Schuldenbremse zum Einsatz kommt. Dort sagt man, dass die Politik unter gewissen Umständen Massnahmen beschliessen muss. Das finde ich von der Philosophie her gut. Die Frage ist halt, ob das politisch machbar ist.

Das ist nach diesem hitzigen Abstimmungskampf sowieso die grosse Frage. Die Lager haben sich wochenlang bekämpft, jetzt müssen sie zusammenfinden. Geht das überhaupt?

Sie müssen sich finden, weil wir ein grosses Problem haben. Zahlreiche Gegner der Vorlage haben mir bei Diskussionen gesagt, dass ich auf die Politik vertrauen könne: Bei einem Nein sei es möglich, in relativ kurzer Zeit eine neue Reform auszuarbeiten. Ich würde mich sehr freuen, wenn das klappen würde, bin aber skeptisch. Das Nein-Lager ist nun gefordert und muss mit einem Vorschlag kommen.

Es ist absehbar, dass uns ein hartes Ringen bevorsteht. Wie viel Zeit bleibt?

Die Debatte wird sehr kontrovers, weil alle mit am Tisch sitzen müssen. Ohne die Linke geht es nicht. Ich hoffe, dass man zügig zu einem Kompromiss findet. Wir können uns definitiv keine sieben Jahre Zeit mehr nehmen, so lange hat es nach dem Nein zur Revision der beruflichen Vorsorge im Jahr 2010 ja bis zur nächsten Abstimmung gedauert. Aber ich befürchte, dass es erneut in diese Richtung gehen wird.

Sprechen wir über ein Thema, um das die Politik gerne einen grossen Bogen macht: das Rentenalter. Müssen wir künftig länger arbeiten?

Auf jeden Fall, das ist aus meiner Sicht überhaupt keine Frage. Wir leben länger, und das hat seine Konsequenzen. 17 OECD-Länder haben ein Rentenalter von 67 oder mehr verabschiedet. In der Schweiz dagegen ist das Rentenalter ein Tabuthema. Sie geht einen Sonderweg, der sich immer mehr von der internationalen Entwicklung abkoppelt. Ich fände es sehr wichtig, das Rentenalter noch einmal stärker zu thematisieren.

Sie wünschen sich mehr Mut von der Politik?

Unbedingt, ja. Das Rentenalter ist der wirksamste Hebel in der Reformdebatte.

Was die Schweiz von anderen OECD-Ländern unterscheidet, ist das direktdemokratische System. Spricht das noch zusätzlich für eine Form der Automatisierung?

Natürlich ist es in der Schweiz schwieriger, Reformen durchzubringen. Hier müssen sie das Stimmvolk überzeugen, in Deutschland nur 500 Parlamentarier. Ich glaube, wir würden uns mit einem Automatismus einen Gefallen tun. Derzeit führen wir alle fünf Jahre eine Debatte über technische Parameter, die für den allergrössten Teil der Leute ein Buch mit sieben Siegeln darstellen. Auch vor diesem Hintergrund denke ich, dass es nützlich wäre, Kriterien und damit verbundene Massnahmen zu definieren.

Wenn Sie den Auftrag bekämen, das ideale Rentensystem zu konzipieren – wie würde das aussehen?

Ich würde auf jeden Fall das Schweizer Dreisäulenmodell als Grundlage nehmen, denn es wird international immer wieder als Vorbild genommen. Die Basis ist sehr gut, aber in meinen Augen muss man sie mit einem Automatismus ergänzen, damit das Ganze nachhaltig ist. Dänemark etwa hat das Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt. Das wäre eine Lösung, die auch der Schweiz helfen würde, das zeigen die gescheiterten Reformversuche der letzten 20 Jahre.

Hinweis

Professor Martin Eling (39) ist Direktor am Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen. Der Rentenexperte hatte sich im Vorfeld der Abstimmung über die Rentenreform für ein Ja ausgesprochen.

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