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Eine Entlassung mit über 50 stellt die Vorsorgeplanung komplett auf den Kopf

In der Vorsorge-Serie der NZZ wird erklärt, was in einem solchen Fall zu tun ist und welche verschiedenen Verwendungen es für die bisher angesparten Altersguthaben gibt.

Der Wirtschaftsmotor brummt. Daher finden es viele müssig, über Arbeitslosigkeit nachzudenken. Doch wenn es zu Firmenschliessungen oder Restrukturierungen kommt, werden oft Personen entlassen, die bereits über 50 sind. Gemäss Seco sind 45% der Arbeitslosen, die in der Schweiz seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung sind, über 50 Jahre alt. Im Fall einer Entlassung ändern sich die Parameter der bisherigen Planung radikal, und der Versicherte muss nochmals über die Bücher gehen.

«Als Erstes sollte der Arbeitnehmer ein Budget mit aktuellen Zahlen machen», sagt Vorsorgeexperte Werner C. Hug. Danach stelle sich die Frage: Weiterarbeiten, selbständig machen, ins Ausland gehen oder vorzeitig pensionieren lassen? Dieser Entscheid hänge vor allem vom Alter und vom Vermögen sowie von der Höhe des Lohnes beziehungsweise der Arbeitslosenversicherung ab. Vor dem Alter von 58 solle man auf alle Fälle weiterarbeiten, gehe es gegen 65, könne man eine Frühpensionierung prüfen, empfiehlt Hug. Bei einem Einkommen von 100 000 bis 120 000 Fr. gilt es zu beachten, dass die Haushaltkosten etwa gleich hoch bleiben. Bei einem Einkommen unter 80 000 Fr. heisst es tendenziell weiterarbeiten, wenn keine substanziellen Vermögen vorhanden sind.

Teure Frühpensionierung

Oft möchten Unternehmen die Betroffenen überreden, einer Frühpensionierung zuzustimmen. Dazu kann aber niemand gezwungen werden. Dies aus gutem Grund – denn eine solche ist für den Arbeitnehmer mit erheblichen finanziellen Einbussen verbunden. «Eine Frühpensionierung kostet immer viel Geld», sagt Iwan Brot, Vorsorgeexperte bei Fintool.ch. Bei einer individuellen Kündigung ohne Sozialplan und spezielle Abgangsentschädigung sollte eine Frühpensionierung immer abgelehnt werden, sagt auch Hug. Denn es gilt, Kapitallücken zu schliessen. Eine Frühpensionierung führe zu einer reduzierten Rente, sagt Brot, meist sei deshalb ein Kapitalbezug vorteilhafter.

Kapitalauszahlungen mit Vorsorge-Charakter werden zu einem reduzierten Satz besteuert (wie Kapitalauszahlungen aus der zweiten Säule und der Säule 3a). Die Abfindung weist einen Vorsorge-Charakter auf, wenn der Frühpensionierte mindestens 55 Jahre alt ist und die Hauptbeschäftigung definitiv aufgibt und wenn wegen der Frühpensionierung eine Vorsorgelücke entsteht. Falls die Kapitalabfindung als normales Einkommen versteuert wird, kann es sinnvoll sein, den Betrag, falls möglich, in die Pensionskasse einzuzahlen und die Abfindung so steuerlich zu neutralisieren. 

Falls das Reglement der Vorsorgeeinrichtung es zulässt, kann ein Erwerbsloser in der bisherigen Pensionskasse versichert bleiben und die Beiträge selbst bezahlen. In dieser Situation ist man natürlich berechtigt, zu stempeln. Der Erwerbslose müsste dann aber auch die Beiträge des Arbeitgebers übernehmen, was nur die wenigsten ohne Erwerbseinkommen stemmen können.

Kapitalauszahlung wählen

Will der Entlassene erwerbstätig bleiben, erhält er das Kapital von der Pensionskasse. Einzahlen kann er dieses auf ein Freizügigkeitskonto bei einer Freizügigkeitsstiftung, in eine Freizügigkeitspolice bei einer Versicherung oder auf ein Freizügigkeitskonto. Jede dieser Varianten hat Vor- und Nachteile. Viele Freizügigkeitsstiftungen lassen aber keine Rentenzahlung zu. Es gilt, für jede Lösung Offerten einzuholen und die Angebote zu vergleichen.

Zu beachten ist, dass man bei einer Freizügigkeitsstiftung auf eine Art Sperrkonto einzahlt und dabei den Versicherungsschutz verliert. Parkiert man das Geld bei einer Versicherung (Freizügigkeitspolice), ist ein Risikoschutz für den Fall von Invalidität oder Tod inbegriffen. Diese Versicherung kostet allerdings eine Prämie, die zu einer tieferen Verzinsung des Altersguthabens führt. Die Freizügigkeitsstiftungen sind verpflichtet, die Vorsorgegelder anzunehmen, wenn es sich um Freizügigkeitsleistungen und nicht um Altersleistungen handelt. Wird ein Arbeitnehmer mit 61 Jahren entlassen und ist der Pensionierungszeitpunkt gemäss BVG definiert, handelt es sich bei seinem Vorsorgevermögen um eine Freizügigkeitsleistung. Ist jedoch im Reglement der Pensionskasse eine Pensionierung ab 59 vorgesehen, ist es eine Altersleistung.

Wenn möglich aufschieben

Weil man im Alter um die 60 Jahre kaum mehr eine neue Stelle findet, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass das Pensionskassengeld nie mehr in eine neue Kasse einbezahlt werden kann. Das Guthaben bleibt auf dem Freizügigkeitskonto liegen und wird im Alter nur noch von wenigen Kassen in eine Rente umgewandelt – es wird beim Erreichen des Pensionsalters in der Regel einmalig ausbezahlt. In diesem Fall kann ein Versicherter immerhin den Bezug des Guthabens bis 69 aufschieben (Männer bis 70). Dies ist aus steuerlichen Gründen meist sinnvoll, denn die Zinsen- und Dividendenerträge auf Freizügigkeitskonten werden nicht als Einkommen und das Guthaben nicht als Vermögen versteuert.

Bei grösseren PK-Guthaben lassen sich zusätzlich Steuern sparen, wenn man die angesparten Vorsorgegelder auf zwei Freizügigkeitskonten überweisen lässt und sie gestaffelt bezieht. Ivan Brot empfiehlt, ein derartiges Konto bei einer Bank zu eröffnen, dies sei am «einfachsten und am günstigsten» – auch für den Fall, dass man wieder eine bezahlte Tätigkeit finde und das Geld in eine Pensionskasse transferiert werden solle. Die zwei Konti sollten bei unterschiedlichen Banken eröffnet werden – einerseits aus Sicherheitsgründen, andererseits könnte einem sonst die Steuerbehörde Steuerumgehung unterstellen.

Freizügigkeitsstiftungen bieten neben Konti oft auch Depots an. «Für ältere Entlassene ist der Zeithorizont meist zu kurz, um in Wertschriften zu investieren», sagt Hug. Die Mittel würden meist schon bald benötigt. Wenn man doch in Wertpapiere investieren wolle, gelte es darauf zu achten, dass der Obligationenanteil nicht zu hoch sei. Eine Lösung für jene, die eine Rente bevorzugen oder keine Freizügigkeitseinrichtung finden, ist die Stiftung Auffangeinrichtung BVG. «Das ist aber nur als letzte Variante zu empfehlen – allein wegen der Verzinsung von derzeit 0,1%», sagt Brot. 

Für Versicherte mit tieferen Einkommen (unter 80 000 Fr.) ist eine Rente oft die bessere Lösung, weil auch der Partner diese nach einem Todesfall weiter erhält. Falls man sich um nichts kümmert, überweisen die Pensionskassen das Altersguthaben an die Auffangeinrichtung – frühestens nach sechs Monaten, spätestens nach zwei Jahren. Angesichts von Anlagenotstand und Überalterung der Kassen überweisen die meisten Kassen nach sechs Monaten.

Der letzte Ausweg

Die Auffangeinrichtung ermöglicht die freiwillige Versicherung von Altersleistungen der obligatorischen beruflichen Vorsorge. Die Stiftung ist auch von Gesetzes wegen die Ansprechpartnerin für die Risiken Invalidität und Tod für Arbeitslose, die sich bei der Arbeitslosenversicherung angemeldet haben. Damit ein frisch Entlassener aufgenommen wird, müssen die Antragsunterlagen spätestens 90 Tage nach dem Ausscheiden aus der obligatorischen Versicherung bei der Auffangeinrichtung eintreffen. Im Vorsorgeplan «Weiterführung Altersvorsorge ohne Risikoleistungen» lässt sich die Altersvorsorge beziehungsweise der Sparprozess freiwillig weiterführen. Zu den Leistungen gehört auch eine Altersrente nach der Pensionierung.

Wegen der schwierigen Zinssituation und der steigenden Lebenserwartung hat die Auffangeinrichtung auf Anfang des Jahres 2018 den Beitrag zur Finanzierung der Altersrente – den sogenannten Risikobeitrag – erhöht. Im Vorsorgeplan «Weiterführung gesamte Vorsorge» lässt sich auch die gesamte obligatorische Vorsorge, also neben dem Sparprozess auch die Risikoversicherung, auf freiwilliger Basis fortsetzen. Hier wurde der Risikobeitrag ebenfalls angepasst.

pastedGraphic.pngNZZ Online; 25.06.2018; Finanzen; Werner Grundlehner

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