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Interpretationsbedürftige Prognosen im Vorsorgeausweis

Der «Vorsorgeausweis», oder das «Leistungsblatt», sind für Lainen manchmal ähnlich unverständlich wie die Chinesische Sprache. Besonders die Prognosen für die Altersleistungen sind oft nur mit fachlichem Know-How realistisch zu interpretieren. Besonders irreführend können diese Prognosen für Personen im mittleren Kader sein. Der Dipl. Finanzexperte Reto Spring bringt hier Licht ins Dunkel.

Klartext statt Finanz-Chinesisch

 

Welche Angaben im Vorsorge-Ausweis sind wichtig und wo findet man sie? Welche Leistungen sind garantiert und welche sind lediglich eine Prognose? Das Beispiel eines 39-jährigen Mannes im mittleren Kader mit einem Bruttolohn von rund 166 000 Franken zeigt, dass projizierte Altersleistungen stark interpretationsbedürftig sind.

 

«Leistungsblatt» oder «Vorsorge-Ausweis» nennt sich das Dokument, das einem jährlich ins Haus flattert und über die individuellen Leistungen der Pensionskasse orientiert. Als Angestellter werden die Leistungen vom Arbeitgeber vorgegeben. Problematisch ist, dass Pensionskassen mit Zinsen rechnen, die in der aktuellen Tiefzinsphase am Kapitalmarkt nicht realisierbar sind. Ausserdem führt die Umverteilung (Stichwort: zu hohe Umwandlungssätze) dazu, dass nur ein Teil der erzielten Rendite gutgeschrieben wird.

Aus diesen Effekten folgt, dass die realen Altersrenten mindestens 25 Prozent tiefer ausfallen werden, als sie aktuell ausgewiesen werden. Arbeitnehmer unter 50 Jahren mit einem Jahreslohn über 100 000 Franken sind am stärksten betroffen, weshalb genau zwischen «garantierten Leistungen» und «Prognosen» zu unterscheiden ist.

Was ist garantiert?

Garantiert sind lediglich Sparwerte zum Stichtag (meist am Ende eines Jahres, sprich 31.12.20XX), also das vorhandene Sparguthaben inklusive Zinsen, das auch für Wohneigentum bezogen werden kann (WEF). Garantiert sind ausserdem Versicherungsleistungen, die Renten bei Invalidität oder Leistungen an Hinterbliebene im Todesfall auslösen.

Was ist nur prognostiziert?

Leider sind die Prognosen der Altersleistungen vieler Pensionskassen nicht so zuverlässig wie Wetterprognosen. Es wird weder die steigende Restlebenserwartung ab Pensionierung berücksichtigt, noch das Tiefzinsumfeld oder die zu hohen Umwandlungssätze. Für eine realistische Einschätzung müsste das Altersguthaben mit maximal 1 Prozent Zins hochgerechnet werden und das Alterskapital mit einem Umwandlungssatz von höchstens 5 Prozent verrentet werden. Erst wenige Kassen tragen diesen Umständen Rechnung.

Konsequenzen aus der Korrektur

Um Planungssicherheit zu gewinnen und die Inflation zu berücksichtigen, ist ohne Verzinsung zu rechnen und das Alterskapital mit 5 Prozent zu verrenten. Dadurch würde sich die ausgewiesene Altersrente von 69 444 Franken auf 35 105 Franken nahezu halbieren, was zwar eine krasse Reduktion darstellt, aber nach Ansicht von Experten näher bei der Realität liegt als die «Schönwetter-Prognosen» heutiger Vorsorge-Ausweise. Gutverdiener sind daher gut beraten, die fehlende Hälfte der Altersrente privat anzusparen.

 

 

RETO SPRINGpastedGraphic.png; Schweizer Bank; 17.08.2018; Ausgaben-Nr. 8; Seite 54; PRIVAT

 

Reto Spring ist Dipl. Finanzplanungsexperte NDS HF, CFP, Präsident Finanzplaner Verband Schweiz sowie Partner ACADEMIX Consult AG, Zürich

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