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Junge lehnt euch auf!

Tiefe Zinsen und steigende Lebenserwartung führen dazu, dass Pensionskassen die Rentenversprechen nicht mehr einhalten können. Da alle involvierten Parteien das aktuelle Rentenniveau sichern und die Quersubventionierung von jung zu alt stoppen wollen, gibt es weiterhin nur eine Möglichkeit, um die zweite Säule zu reformieren, da die Erhöhung des Rentenalters ein politisches Tabu bleibt. Der Umwandlungssatz muss gesenkt und die dadurch entstandenen Rentenausfälle müssen aufgefangen werden. Es ist höchste Zeit, dass sich die Jungen dagegen wehren.

 

 

Aargauer Zeitung; Anna Wanner; 16. April 2018
Junge lehnt euch auf!
Die Erwerbstätigen subventionieren die Renten der Alten quer. Eine Fehlentwicklung. Der Wochenkommentar zur Vorsorge in der zweiten Säule.

Als die AXA Anfang Woche entschied, sich aus dem Pensionskassen-Geschäft der Vollversicherungen zurückzuziehen, löste das hüben wie drüben Sorgen aus. Der Arbeitgeberverband veröffentlichte eine Mitteilung unter dem Titel «die berufliche Vorsorge blutet zusehends aus». Und der Gewerkschaftsbund warnte: «Privatversicherer sahnen nach wie vor zu viel ab.» Einig sind sie sich in der Konsequenz: Die berufliche Vorsorge muss saniert werden.

Tiefe Zinsen auf den Kapitalmärkten vermiesen den Pensionskassen das Geschäft seit Jahren. Wie schief die Lage ist, zeigt der Blick auf die Zinssituation. «Beim zurzeit geltenden Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent und der aktuellen Lebenserwartung beträgt die erforderliche Rendite fünf Prozent», rechnete der Bundesrat 2014 vor. Mit Ausnahme von 2017 liegen die Renditen seit 2000 deutlich darunter. Gleichzeitig leben die Menschen nicht mehr nur 15 Jahre von der Rente, sondern 20, bald 23 Jahre. Diese Faktoren führen zu einer krassen Fehlentwicklung: Weil das Geld knapp ist, werden die Renten über das Sparguthaben der Erwerbstätigen finanziert. Schätzungen gehen von 4 Milliarden Franken aus, die zwischen Jung und Alt umverteilt werden – obwohl das System dies nicht so vorsieht. Daraus folgt, dass bei der Pensionierung der heutigen Erwerbstätigen das Geld für deren Rente fehlt. 

Das ist eigentlich kalter Kaffee. Seit Jahren versucht die Politik, die Fehlentwicklung zu stoppen. Erfolglos. 2010 lehnte das Volk die Senkung des Umwandlungssatzes mit 72,7 Prozent ab. 2017 wollten Bundesrat und Parlament die Umverteilung abermals korrigieren. Sie haben sogar aus der Vergangenheit gelernt, boten den zukünftigen Rentnern eine Übergangsfrist und eine Kompensation an: Kleine Einkommen und Teilzeitarbeiter sollten auch eine zweite Säule ansparen können. Doch das Volk lehnte die umfassende Reform der Altersvorsorge bekanntlich ab.

Das Klima zwischen den Sozialpartnern ist vergiftet
Daraufhin hat der Bundesrat entschieden, die Reform der AHV voranzutreiben und die Verantwortung für die Sanierung der zweiten Säule auf die Sozialpartner abzuschieben. Politisch ist das nachvollziehbar: Historisch ist die berufliche Vorsorge aus der Sozialpartnerschaft entstanden. Vor allem aber müssen Gewerkschaften, Arbeitgeber und Gewerbe die Hauptstreitpunkte gemeinsam knacken. Solange es zwischen ihnen keine Lösung gibt, bleibt eine BVG-Änderung unwahrscheinlich. Doch zeigen die Reaktionen auf den AXA-Entscheid eben auch, dass die Diskussion vergiftet ist: Der Arbeitgeberverband macht die «anhaltende Versicherungsschelte der Gewerkschaften» für den Rückzug aus dem Pensionskassen-Geschäft verantwortlich. Die Gewerkschaften wiederum sind der Meinung, dass die Versicherer immer noch zu viel Gewinn auf Kosten der Rentner erwirtschaften. Obwohl beide eine Reform anstreben, verheisst dieses Schwarzpeterspiel nichts Gutes: Denn abgesehen von der miesen Stimmung haben sich die Akteure, welche die Revision verantworten, nicht bewegt. 
Die Ausgangslage ist wie geschildert: Tiefe Zinsen und steigende Lebenserwartung führen dazu, dass Pensionskassen die Rentenversprechen nicht mehr einhalten können. Da alle involvierten Parteien das aktuelle Rentenniveau sichern und die Quersubventionierung von jung zu alt stoppen wollen, gibt es weiterhin nur eine Möglichkeit, um die zweite Säule zu reformieren, da die Erhöhung des Rentenalters ein politisches Tabu bleibt. Der Umwandlungssatz muss gesenkt und die dadurch entstandenen Rentenausfälle müssen aufgefangen werden. Doch just über den Kernpunkt, die Kompensation, streiten nicht Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Nein, das Gewerbe wehrt sich seit Jahr und Tag, tiefere Einkommen in der beruflichen Vorsorge besserzustellen. Die Änderung würde nebst Gastrobranche, Coiffeursalons und Putzfrauen auch die Bauern treffen, die sich querstellen. Die Alternative ist eine Erhöhung der Altersgutschriften (Beiträge von Arbeitnehmer und -geber). Das würde Arbeit allgemein verteuern und untergräbt die Bemühung, ältere Arbeitskräfte besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Pensionskassen kennen keine Existenznöte
Ob, wie angepeilt, bis Ende Jahr ein Vorschlag der Sozialpartner vorliegt, ist aber auch aus einem anderen Grund fraglich. Der Leidensdruck der meisten Pensionskassen ist gering. Der Umwandlungssatz von 6,8 Prozent betrifft nurmehr 15 Prozent der Versicherten im obligatorischen Bereich (mit Einkommen bis 84 000 Franken pro Jahr). Pensionskassen, die überobligatorische Versicherte haben, senken den Umwandlungssatz auf neuerdings bis zu 4,5 Prozent. Solange sich die 85 Prozent mit Geringverdienern solidarisch zeigen und vor allem solange die Erwerbstätigen die Renten der Alten quersubventionieren, wird die Lösung auf die lange Bank geschoben. Es ist höchste Zeit, dass sich die Jungen dagegen wehren.

 

 

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