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Nach 65 zur Arbeit? Nein danke

Die NZZ am Sonntag hat darüber berichtet, dass noch immer die Hälfte der Schweizer in Frühpension geht. Welche Firmen Mitarbeiter bis 70 halten können, lesen Sie im folgenden Artikel von Franziska Pfister.
 
Einmal im Monat spielen sie bei Swiss Life Roulette. Es geht aber nicht um das schnelle Geld. ­Vielmehr sollen sich Mitarbeiter näherkommen, die einander im Büroalltag womöglich gar nicht begegnet wären. Das Prinzip ist simpel: Ein Angestellter, der noch am Beginn seiner Karriere steht, geht mit einem erfahrenen Kollegen zum Mittagessen. Die Duos bestimmt der Zufall. «Lunch-Roulette» nennt sich das Programm, und es kommt an.
 
Generationenübergreifende Teams schaffen einen Mehrwert, ist der Versicherer überzeugt. Schon ab 45 können Mitarbeiter in Teilzeit gehen, Auszeiten nehmen und bis 70 im Job bleiben. Wenn sie wollen. Das Interesse hält sich jedoch in Grenzen. «Viele möchten kürzertreten, ­sobald das Rentenalter näher rückt. ‹Wir haben für die Arbeit so viel zurückgestellt, das wir nun nachholen möchten›, sagen sie uns», erklärt Bettina Kurth, ­Personalchefin Schweiz.
 
Angewiesen auf Ältere
Steigende Defizite der AHV stellen das Rentenalter 65 infrage. Noch immer hört jeder Zweite vor dem 65. Geburtstag auf zu arbeiten. 47% der Neurentner bezogen 2017 schon vor dem gesetzlichen Rentenalter Pensionskassengelder. «Wer es sich leisten kann, geht vorzeitig in Pension», schreiben die Pensionskassenexperten von Dr. Martin Wechsler in einer Studie vom Juli.
 
Dabei werben Grossbetriebe dafür, länger im Beruf zu bleiben. Sie möchten Fachkräfte über das Pensionsalter hinaus an sich binden. Weil sie sich schwertun, sachkundigen Ersatz zu finden. Und auch, damit die Älteren ihre Erfahrungen an Jüngere weitergeben.
Eine Umfrage der «NZZ am Sonntag» zeigt, dass sich von einem Dutzend befragten grossen Arbeitgebern fast alle bemühen, Ü-65-­Arbeitnehmer im Betrieb zu halten. Besonders die Industrie hat erkannt, dass sie auf ältere Mitarbeiter angewiesen ist. Der Fachkräftemangel wird sich in den nächsten Jahren verschärfen, nur beliebte, prestigeträchtige Arbeitgeber wie Nestlé können es sich noch leisten, auf Initiativen für Ältere zu verzichten. Andere wie ABB oder Siemens Schweiz kämpfen schon viele Jahre um die «Generation Ü 60». Erfolge stellen sich aber nur langsam ein. Nur wenige Männer und Frauen reizt es, über das Pensionsalter hinaus im Job zu bleiben.
«Stille Reserven», so nennt der Bund Menschen, die zwar grundsätzlich als Arbeitskräfte verfügbar wären, aber keine Stelle annehmen möchten. Darunter sind gut 83000 Personen über 55; die Gruppe macht beinahe jeden zweiten «Reservisten» aus (vgl. Grafik). Als wichtigsten Beweggrund gaben sie gemäss der jüngsten Arbeitskräfteerhebung an, in Pension gegangen zu sein.
 
Die Grossbanken schickten verdiente Kader (vorwiegend Männer) über Jahre mit opulenten Paketen vorzeitig in Rente. Und die greifen weiterhin gern zu. Der Anteil der Frühpensionierungen entwickle sich über die letzten Jahre stabil, teilt Credit Suisse mit. Dem Vernehmen nach geht weniger als die Hälfte mit 65.
Banker über das Rentenalter hinaus zu beschäftigen, sei «kein dezidiertes Ziel», schreibt die Bank. In Einzelfällen komme das vor. Warum nicht häufiger, wenn doch Mitarbeiter zwischen 58 und 70 wählen können, wann sie sich zur Ruhe setzen wollen?
Um Menschen über 65 in Arbeit zu halten, sei ein Kulturwandel nötig, sagt Bettina Kurth von Swiss Life. Das brauche Zeit und eine Führung, die das vorlebe. Mit finanziellen Anreizen oder neuen Karrierechancen zu locken, bringe nichts.
 
Arbeiten bis 65, womöglich noch jedes Jahr für mehr Lohn, und danach raus aus der Firma: Das sei eine falsche Vorstellung, sagt auch Hans Hess, Präsident von Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. «In der Natur läuft das auch nicht so, dort entwickelt sich alles in Bögen.»
An Ideen mangelt es nicht. Novartis gründete 2007 einen Pool für pensionierte Manager und Spezialisten. Sie können ein Arbeitsmo­dell wählen, ihr Pensum selbst ­bestimmen und erhalten den gleichen Lohn wie vor der Pension, sofern sie gleichbleibende Aufgaben übernehmen.
«Der finanzielle Aspekt ist sekundär. Im Vordergrund steht für mich die Motivation und Faszination für wissenschaftliche Themen sowie der Austausch und Kontakt mit nachfolgenden Generationen», zitiert Novartis in einer Werbebroschüre einen Teilnehmer. Der Zulauf hielt sich jedoch in Grenzen. 2015 waren 65 Personen registriert, nur die Hälfte nahm indes Aufgaben an. Aktuelle Zahlen wollte der Konzern nicht herausgeben.
 
Die Altersgrenze 65 aufzubrechen, ist Politik und Wirtschaft gleichermassen ein Anliegen. Beide versuchen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass dies volkswirtschaftlich nötig ist. Doch dringen sie bei den Arbeitnehmern nicht so recht durch. Die Akzeptanz von flexibleren Arbeitsverhältnissen, Teilpensionierungen oder Rentnerverträgen ist gering.
 
Der Wohlstand in der Schweiz ist eine ­Erklärung dafür. Hinzu kommt der Widerwille, liebgewonnene Gewohnheiten ab­zulegen. Wenn sich einer nach dem anderen aus dem Turnverein zur Ruhe ­setzt, wünscht man sich ebenfalls, in einen neuen Lebensabschnitt einzu­treten.
Finanziell könnten es sich viele Arbeitnehmer leisten, kürzerzutreten, sagt Hans Hess. Das Pensum um einen Tag pro Woche zu reduzieren, zum Beispiel, und dann die Rente einige Jahre hinauszuschieben. Das lockt aber nur wenige. Denn noch ­fahren sie mit einer Frühpensionierung oft besser, profitieren sie doch von einem höheren Umwandlungssatz der Pensionskasse.
 
Als Lösungen schweben den Unternehmen Teilzeitarbeit und Weiterbildungen für Ältere vor. Das Stichwort «lebenslanges Lernen» fiel in der Umfrage mehrfach. Es ist der vage Versuch, Chancen auf Partizipation in einer immer kompetitiveren Arbeitswelt offenzuhalten.
Doch wie gehen die Bemühungen der Firmen zusammen mit den Klagen von Menschen über 50, die keinen Job finden oder sich bei der Stellensuche benachteiligt fühlen? Glaubt man den Unternehmen, sind sie am Umdenken. Zumindest ­erklärten sie das in der Umfrage. Grossunternehmen werben heute damit, dass sie einen Teil ihrer Stellen an über 50-Jährige ­vergeben. Alter sei kein entscheidendes Einstellungskriterium, betonen sie.
 
«Ein signifikanter Teil aller Neueinstellungen ist über 50 Jahre alt, darunter immer wieder auch Personen über 58 Jahren», schreibt Credit Suisse. Die SBB tun sich besonders hervor, indem sie alle Stellen ausschreiben. «Die fachlichen Kompetenzen sind entscheidend, nicht das Alter. Wer die Kriterien der Ausschreibung erfüllt, ist bei den SBB willkommen», sagt eine Sprecherin. Bereits 40% der Belegschaft seien über 50.
 
Im Juli übergaben die Dachorganisationen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern dem ­Bundesrat einen gemeinsam ­erarbeiteten Vorschlag, wie Teilzeitkräfte und Menschen mit Niedriglohnjobs trotz der Senkung des Mindestumwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge unter dem Strich mehr Rente ­erhalten können. Ein wichtiges Element bildet dabei ein solidarisch finanzierter Rentenzuschlag.
 
Die Pensionskassenexperten von Dr. Martin Wechsler sind ­jedoch skeptisch, ob die anstehende AHV-Reform viel ändern wird. Die Erhöhung des Rentenalters werde vorwiegend Arbeitnehmer ohne finanziellen Spielraum zwingen, länger zu arbeiten. «Die Gruppe der finanziell starken Rentner wird trotzdem weiter vorzeitig in Pension gehen, weil sie es sich leisten können», schreiben sie.
 
Fazit der mit-uns-fuer-uns-Redaktion: Obwohl es eigentlich logisch ist, dass die Rechnung nicht aufgehen kann, wenn ein immerer grösserer Anteil der Lebenszeit in Rente vervracht und durch eine relativ immer kleiner werden arbeitende Bevölkerung finanziert werden soll, macht es für den Einzelnen durchaus Sinn. Wer über eine Erhöhung des Rentenalters nachdenkt, darf dies nicht ignorieren. Der ASIP verhält sich neutral bei diesem Thema.
 

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