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Tiefzinsen: Die Lunte brennt

Das anhaltende Niedrigzins-Umfeld am Kapitalmarkt schafft für die Pensionskassen und Versicherer immer schwierigere Bedingungen, um ihre Sollrenditen zu erwirtschaften. Durch die von der Nationalbank (SNB) auferlegte Verpflichtung zur Zahlung von Negativzinsen auf Kontoguthaben wird der Druck weiter erhöht. Dieser Artikel der «Schweiz am Sonntag» erklärt, wie Pensionskassen und Versicherer gezwungen sind, Lösungen gegen den Anlagenotstand zu finden und weshalb es sinnvoll wäre, die Vorsorgeeinrichtungen vom Negativzins zu befreien.

 

Schweiz am Sonntag / MLZ; 01.11.2015; Seite 25; Wirtschaft; Niklaus Vontobel und Michael Heim

Die Pensionskassen-Stiftung Ethos warnt vor gewaltigen Verlusten auf den 800 Milliarden Franken Rentengeldern.

Nach Jahren mit fallenden Zinsen haben die Vorsorgewerke ein Problem: Die letzten guten Obligationen laufen aus, und Ersatz fehlt weit und breit.

Der Albtraum aller Sparer nimmt kein Ende. Die Zinsen wollen und wollen nicht steigen. Im Gegenteil, die Europäische Zentralbank hat gar eine weitere Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. Prompt rutschen die Zinsen noch tiefer. Diese Woche erreichten die Renditen auf 10-jährigen Schweizer Bundesobligationen einen Negativrekord von –0,32 Prozent. Der Präsident der Anlage-Stiftung Ethos, Dominique Biedermann, warnt: «Da tickt eine Zeitbombe.»

Die Pensionskassen müssen die Rentengelder zunehmend in kaum verzinsten Wertpapieren anlegen. Nach Jahren mit Niedrigzinsen bleibt ihnen keine Wahl. «In den vergangenen Jahren konnten die Versicherer noch von Reserven zehren», sagt Martin Wenk, Anlagechef des Lebensversicherers Baloise. Etwa von Obligationen, die Zinseinnahmen über dem aktuellen Niveau brachten. Doch sie laufen aus. «Versicherer und Pensionskassen haben solche Papiere immer weniger in den Büchern.»

Und noch ein Effekt läuft aus: In den vergangenen Jahren profitierten die Anleger vom Fallen der Zinsen, das die Bewertungen etwa von Immobilien oder Aktien ansteigen liess. Denn bei tieferem Zinsniveau ist das Versprechen auf eine bestimmte Dividende mehr Wert. Viel tiefer können die Zinsen jedoch nicht mehr sinken. Damit bleiben weitere Aufwertungsgewinne aus. Mit Verzögerung bricht in der Schweiz die neue Niedrigzins-Welt endgültig an.

In den vergangenen Jahren schafften es die Pensionskassen und Versicherer noch, ihre Sollrenditen zu erwirtschaften. Doch davon dürfe man sich nicht täuschen lassen, mahnt Wenk. Es werde immer schwieriger, die hohen Renditen der Vorjahre zu halten. Für die Vorsorgewerke bedeutet das Umfeld, dass sie ihr Geld anders anlegen müssen – und damit riskanter.

Der Asset Manager Black Rock berichtete in einer aktuellen Studie von einem wachsenden Risikoappetit der Versicherungskonzerne. 57 Prozent der grössten Firmen weltweit planten in den nächsten ein bis zwei Jahren, ihre Anlagerisiken zu erhöhen. Wenk spricht von einem «filigranen Arbeiten» im Rahmen dessen, was das Schweizer Aufsichtsrecht überhaupt zulasse.

Wenk fühlt sich in ein staatliches Korsett gezwängt: Einerseits verlangt der Bund eine Mindestverzinsung, andererseits belegt er grosse Risiken mit strengen Eigenkapitalanforderungen. Auch der Lebensversicherer AXA sagt, der Risikoappetit sei aufgrund der strengen Kapitalanforderungen «unverändert».

Auch in der Schweiz suchen Versicherungen und Pensionskassen deshalb nach neuen Wegen. «Wir kaufen sicher keine Obligationen mit negativer Rendite», sagt Anlagechef Wenk. «Da müssen wir ausweichen.» Eine Möglichkeit sieht er in amerikanischen Anleihen bei gleichzeitiger Absicherung der Währungsrisiken. Oder in Firmenkrediten, die am Markt gehandelt werden. Die Zürich-Versicherung geht gemäss BlackRock-Studie einen Schritt weiter. Sie will selber Kredite an Unternehmen vergeben.

Finden Pensionskassen keine Lösungen gegen den Anlagenotstand, hat das Folgen für die Versicherten. Die Branche drängt bereits auf weitere Leistungskürzungen. Dabei wurde erst diese Woche der Mindestzins für Pensionskassengelder um einen halben Prozentpunkt gekürzt. Der neue Satz liege noch immer deutlich über der Rendite für Bundesobligationen, klagen Vertreter der Branche.

Die Pensionskassen stehen unter Druck. Der wird noch dadurch erhöht, dass sie von der Nationalbank (SNB) zur Zahlung von Negativzinsen auf Kontoguthaben verpflichtet werden. Der Negativzins wird von Biedermann als «versteckte Steuer» kritisiert. Bis zu 500 Millionen Franken müssten die Pensionskassen dadurch jährlich abliefern.

Hanspeter Konrad, Direktor des Pensionskassen-Verbandes Asip, fordert deshalb, dass Vorsorgeeinrichtungen vom Negativzins befreit werden. «Pensionskassen haben einen gesetzlichen Auftrag, Renten sicherzustellen. Doch mit den Negativzinsen werden sie von der SNB bestraft», sagt er. Konrad warnt vor einer Erhöhung des Strafzinses. «Wenn die Zinsen in Europa weiter fallen, könnte die SNB nachlegen müssen.»

Mit der Niedrigzins-Welt dürften die Pensionskassen lange leben müssen. Die Phase könne «nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte» dauern, sagte Mark Branson, Chef der Finanzmarktaufsicht Finma, im Interview mit der «Schweiz am Sonntag». Ben Bernanke, früherer Chef der US-Notenbank, schreibt auf seinem Blog: «Die tiefen Zinsen sind keine kurzfristige Anomalie, sondern Teil eines Langzeittrends.» Und Larry Summers, Ex-Chefberater von Präsident Barack Obama, sagt: «Die Obligationen-Märkte sagen uns, dass in allen Industriestaaten von realen Zinsen nahe bei null für das nächste Jahrzehnt ausgegangen wird.»

Das bringt die Vorsorgewerke in eine heikle Situation. Einerseits müssen sie ihre Investitionen an das Niedrigzinsumfeld anpassen. Andererseits dürfen sie sich nicht von einem allfälligen Zinsanstieg überraschen lassen. Das Resultat wären «gewaltige Verluste», warnt Biedermann im Interview mit der «Schweiz am Sonntag» (siehe Seite 26). «Obligationen, die die Pensionskassen in den Büchern haben, werden massiv an Wert verlieren.»

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