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Vorsorge: Vollversicherung oder teilautonome Lösung?

Anfang April stieg der Axa-Konzern aus dem Geschäft mit den BVG-Vollversicherungen aus. Als Laie auf diesem Gebiet war man schnell überfordert zu verstehen, was es mit diesem Entscheid auf sich hatte und welche Konsequenzen diese Änderung für die späteren Rentnerinnen und Rentner hat. Im Geldblog des Tages Anzeigers widmet sich der Wirtschafts- und Finanzexperte Martin Spieler auf gut verständliche Art und Weise diesem Thema und geht insbesondere auch der Frage nach, wer das Anlagerisiko zu tragen hat.

 

TagesAnzeiger; 03.05.2018; Geldblog; Martin Spieler
Die Axa-Winterthur ändert etwas mit dem BVG. Als Normalbürger verstehe ich die genauen Details nicht. Was man kapiert, ist nur, dass der spätere Rentner weniger erhält. Liege ich da richtig? R.P.
 
Nein. Die Axa hat angekündigt, dass sie sich im Bereich berufliche Vorsorge aus dem Geschäft mit der Vollversicherung zurückzieht. In früheren Jahren hatte dies bereits die Konkurrentin Zürich gemacht, während andere Wettbewerber wie die Swiss Life, die Helvetia oder die Pax weiter an der Vollversicherung festhalten. 
Die Axa geht einen anderen Weg: Sie wird ab nächstem Jahr ihren Kundinnen und Kunden nur noch teilautonome Vorsorgelösungen anbieten. Die Unternehmen können dabei ihre Mitarbeitenden weiterhin gegen das Todesfall- und das Invaliditätsrisiko versichern, bekommen für die angelegten Gelder neu aber keine Garantie mehr, sondern müssen das Anlagerisiko selber tragen. 
Schon heute können Kunden zwischen der Vollversicherung und teilautonomen Lösungen entscheiden. Bei der teilautonomen Versicherung dürfen die Gelder der Versicherten freier investiert werden als bei der Vollversicherung, welche einer strengeren Regulierung untersteht. Dies beinhaltet für die Versicherten mehr Risiken – ähnlich, wie wenn Sie selbst einen Anlagefonds halten –, dafür haben diese deutlich höhere Renditechancen. 
Vereinfacht ausgedrückt: Die Vollversicherung darf nur sehr konservativ investieren, die teilautonomen Stiftungen haben indes mehr Spielraum. Wenn sich die Finanzmärkte positiv entwickeln, erweist sich die teilautonome Lösung als vorteilhafter für die Versicherten. Wenn es hingegen zu einer langen Baissephase kommt, wären die Versicherten mit der Vollversicherung besser abgesichert, da die Versicherung das Anlagerisiko übernimmt und die Versicherten die Garantie haben, nie mitsanieren zu müssen. 
Nur: Die Vollversicherung gibt es nicht gratis: Die Prämien sind trotz geringeren Renditechancen deutlich höher. Sicherheit wird mit höherem Prämienfranken erkauft. Für die Axa geht dabei angesichts der tiefen Zinsen, der demografischen Entwicklung und des engen regulatorischen Korsetts – wie schon früher für die Zürich – die Rechnung nicht mehr auf. Darum müssen sich deren Kunden entscheiden, entweder eine teilautonome Lösung zu wählen oder zur Konkurrenz zu gehen. 
Für jene, die bleiben, wird der Wechsel in die teilautonome Lösung bei der Axa durch einen Kapitalpuffer, der ungefähr 11 Prozent der anzulegenden Gelder entspricht, erleichtert. Falls es gelingt, mittels teilautonomen Varianten die Rendite über die Jahre für die Versicherten zu steigern, profitieren diese nach der Pensionierung von höheren Renten. Doch eine Garantie gibt es dafür nicht. 
Das höhere Risiko, das bei den Kunden verbleibt, ist der Nachteil. Sie können es mit der 3. Säule vergleichen: Da können Sie entweder das ganze Geld stockkonservativ auf dem Konto liegen lassen, haben kaum Risiken und bekommen aber auch kaum mehr Zins. Jene, die das Geld indes freiwillig in Vorsorgefonds investieren, tragen mehr Risiken, haben dafür aber die Chance, mehr Rendite zu erzielen und beim Bezug mehr Geld zur Verfügung zu haben. 
Anders als bei der 3. Säule können allerdings die Versicherten nicht selbst entscheiden. In der 2. Säule entscheidet das Unternehmen, welche Variante es für seine Mitarbeitenden wählt und wo diese versichert sind. 
Auf lange Sicht lohnt es sich in der Regel, mit Vorsorgegeldern, welche über Jahrzehnte hinaus liegen bleiben, einen höheren Aktienanteil zu nutzen und damit auch etwas mehr Risiken einzugehen. Wenn man aber das Pech hat, in eine lange Baisse zu geraten, würde man mit einer konservativeren Anlagestrategie besser fahren. 
Vollversicherung oder teilautonome Lösung: Die richtige oder falsche Lösung gibt es meines Erachtens nicht. Vielmehr muss man sich entscheiden, ob man bereit ist, mehr Risiken zu tragen oder nicht.

 

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