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Wie der Deckungsgrad richtig interpretiert wird

Der Deckungsgrad ist eine der Kennziffern für die finanzielle Lage einer Pensionskasse. Er betrachtet die Verpflichtungen der aktiv Versicherten und das Vermögen, das den Pensionskassen zur Verfügung steht, um sie zu erfüllen.  Wenn eine Pensionskasse einen Deckungsgrad von über 100 Prozent ausweist, gehen die Versicherten von einer rosigen finanziellen Situation ihrer Pensionskasse aus. Doch die Zahl stellt die Pensionskassen zu gut dar: Bereits wenn der Deckungsgrad unter 100 Prozent fällt, müssen die aktiv Versicherten mit Einbussen rechnen. Lesen Sie im nachfolgenden Artikel, warum Pensionskassen eigentlich viel mehr Geld zur Seite legen müssten.

Tages-Anzeiger, Janine Hosp, Quelle

Studie eines Beratungsunternehmens: Pensionskassen müssten mehr Geld zur Seite legen

Wenn eine Pensionskasse einen Deckungsgrad von über 100 Prozent ausweist, gehen ihre Versicherten davon aus, dass sie gut dasteht. Aber sie könnten sich täuschen, wie Stephan Skaanes sagt, Partner vom Pensionskassenbe­rater PPCmetrics. Der sogenannte risikotragende Deckungsgrad ist 2016 von 91,7 auf 88,4 Prozent gesunken. Fällt er unter 100 Prozent, müssen die Erwerbstätigen, die aktiv Versicherten, mit Einbussen rechnen. Wegen der tiefen Zinsen müssten die Pensionskassen eigentlich viel mehr Geld zur Seite legen, sagt Skaanes.

Die Zahlen gehen aus einer repräsentativen Studie von Stephan Skaanes und Alfredo Fusetti von PPCmetrics hervor. Die beiden haben die Geschäftsberichte von 280 Pensionskassen aus dem Jahr 2016 ausgewertet. Diese Kassen verwalten ein Vermögen von 552 Milliarden Franken, das 2,6 Millionen Versicherten gehört. Das sind mehr als die Hälfte der Versicherten in der zweiten Säule. Mithilfe des risikotragenden Deckungsgrads wird die finanzielle Situation der Pensionskassen erst vergleichbar; dieser betrachtet die Verpflichtungen der aktiv Versicherten und das Vermögen, das ihnen zur Verfügung steht, um sie zu erfüllen.

«Der Deckungsgrad stellt die Situation der Pensionskassen zu gut dar», kritisiert Stephan Skaanes. So sei es kein Wunder, dass sich viele Versicherte vor der Abstimmung vom 24. September gefragt hätten, weshalb sie den Umwandlungssatz senken sollten, wie dies die Reform der Altersvorsorge 2020 von Bundesrat Alain Berset angestrebt habe.

Der Steuerzahler springt ein

Eine zentrale Grösse ist der technische Zinssatz. Dieser dient als Annahme dafür, wie hoch eine Pensionskasse das Kapital verzinsen kann, das sie für die Renten zurückgestellt hat. So bestimmt der technische Zinssatz letztlich auch die Höhe der Rente. Vergangenes Jahr ist dieser gemäss Studie im Durchschnitt von 2,52 auf 2,27 Prozent gesunken. «Das zeigt, dass viele Kassen ihre Hausaufgaben gemacht haben», sagt Skaanes.

Schockierend sei aber, wie weit die technischen Zinssätze bei den Kassen auseinanderklafften. Manche versprechen ihren Neurentnern noch immer, dass sie ihr Alterskapital mit 3,5 Prozent verzinsen – im heutigen Umfeld wenig realistisch. Erreichen die Kassen dieses Ziel nicht, müssen sie die Renten mit dem Kapital der Erwerbstätigen finanzieren – die laufenden Renten dürfen sie nicht antasten. So wurde im vergangenen Jahr auch das Kapital der Erwerbstätigen nochmals tiefer verzinst, nämlich mit 1,64 Prozent statt wie im Vorjahr mit 1,91 Prozent.

Bei Kassen, die einen sehr hohen technischen Zinssatz ausweisen, handelt es sich oft um öffentlich-rechtliche Kassen; sie können aber nur deshalb so grosszügige Versprechen machen, weil im Notfall die Steuerzahler einspringen würden. Es sind aber auch Kassen darunter, die es sich gar nicht leisten können, den technischen Zinssatz zu senken. Dafür benötigten sie Kapital, um die Renten zu sichern, und das haben sie nicht.

Unter den 280 untersuchten Pensionskassen fanden sich aber auch solche, die einen negativen technischen Zinssatz von –0,75 Prozent auswiesen. Das sei zwar sehr wenig, sagt Stephan Skaanes. Aber: «Das heisst nichts weniger, als dass diese Kasse so viel Geld zur Seite gelegt hat, dass sie auch bei einem negativen Zinssatz die angestrebten Renten bezahlen kann.» Wenn sie mehr erwirtschaften würde, könnte sie den Versicherten immer noch mehr Geld gutschreiben. Das Geld bleibe so oder so in der Kasse, die Rentner würden nicht «abgezockt».

Die Null-Risiko-Kasse

Wenn eine Kasse gar kein Risiko eingehen und nur in sichere Anlagen – das heisst in Bundesobligationen – inves­tieren wollte, müsste sie einen technischen Zinssatz von 0 Prozent festlegen; Bundesobligationen werfen zurzeit keine Rendite ab. Unter diesen Umständen kann die vorsichtige Kasse lediglich einen Umwandlungssatz von 3,9 Prozent anwenden.

2016 lagen die tiefsten Umwandlungssätze gemäss Studie bei 4,56 Prozent, der Mittelwert belief sich auf 5,97 Prozent. Der gesetzlich vorgeschriebene Umwandlungssatz liegt aber weiterhin bei 6,8 Prozent. Nur jene Kassen dürfen ihn unter diese Marke senken, wenn zum Beispiel Arbeitgeber und Arbeitnehmer höhere Sparbeiträge einzahlen, als sie müssten.

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